Von der ARA Langenthal zum Wirtschaftsstandort – Aufbruch am Stadtrand
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Nach der Stilllegung der ARA Langenthal wurden ihre Anlagen vollständig rückgebaut und das Gelände für eine neue Nutzung vorbereitet. Heute befindet sich auf dem ehemaligen Kläranlagenstandort eine Gewerbehalle in einer Arbeitszone und damit ein Beispiel erfolgreicher Innenentwicklung.




Bildquellen: swisstopo (Bild 1, Bild 2, Bild 4), ZALA AG (Bild 3)
Projektauslöser / Auslöser für die Umnutzung
Die ARA Langenthal war über Jahrzehnte ein zentraler Bestandteil der städtischen Abwasserreinigung. Mit der Realisierung des Zusammenschlusses Abwasserregion Langetental (ZALA) wurde die Abwasserbehandlung jedoch im gesamten Langetental regionalisiert. Das Abwasser wurde fortan über das neue Zulaufsystem zur regionalen ARA Eymatte in Aarwangen geleitet. Damit verlor die Anlage in Langenthal ihre ursprüngliche Funktion. Im Unterschied zu anderen Standorten war die künftige Nutzung des Areals jedoch früh Gegenstand konkreter Überlegungen. Die zentrale Lage innerhalb des Industrie- und Gewerbegebietes und die gute Erschliessung machten den Standort für eine wirtschaftliche Entwicklung besonders attraktiv. Bereits während der Stilllegung der Anlage begannen deshalb die planerischen Arbeiten für eine zukünftige gewerbliche Nutzung.
Hintergrund
Die Idee für den Zusammenschluss der ARA Langenthal, Aarwangen, Lotzwil und Huttwil entstand aus dem gleichzeitigen Sanierungs- und Erweiterungsbedarf der Anlagen sowie der Anforderung, dass die Mischabwasserentlastungen der Stadt Langenthal künftig nicht mehr in den Brunnbach erfolgen dürfen, sondern in die Aare abgeleitet werden müssen (Trockenwetterabfluss Brunnbach rund 50 l/s, Entlastungsspitzen bis 15 m3/s!).
Die von den regionalen Akteuren in Auftrag gegebene und vom Kanton über den Abwasserfonds finanzierte Machbarkeitsstudie bestätigte, dass ein Zusammenschluss langfristig tiefere Investitions- und Folgekosten ermöglicht als Einzelprojekte. Der anschliessende Planungsprozess wurde von den regionalen Akteuren eigenverantwortlich weitergeführt, während der Kanton bei Finanzierungs- und Rechtsfragen unterstützte.
Der kantonale Sachplan Siedlungsentwässerung (VOKOS 1997) bestätigte den hohen Handlungsbedarf der vier ARA sowie den Zusammenschluss als wirtschaftlichste Lösung, was in einer kritischen Phase, als die Stadt Langenthal nochmals den Alleingang überprüfen wollte, entscheidend war: Beiträge aus dem Abwasserfonds wären vom Kanton nur an den Zusammenschluss, nicht aber an die Sanierung der bestehenden Anlagen gesprochen worden.
Der Zusammenschluss Abwasserregion Langetental (ZALA) war schweizweit der erste grossräumige Zusammenschluss aller Kläranlagen innerhalb eines Flusseinzugsgebietes. Dank dieser Pioniertat wurde die gesamte Fliessstrecke der Langete abwasserfrei und der ökologisch wertvolle Brunnbach von massiven Mischabwasserentlastungen befreit.
Weitere Informationen: Geschichte — ZALA | Meilensteine — ZALA.
Projektbeschrieb
Der Rückbau der ARA Langenthal erfolgte zwischen 2005 und 2006. Ziel war die vollständige Beseitigung der eigentlichen Kläranlageninfrastruktur und die Vorbereitung des Areals für eine spätere Überbauung. Entfernt wurden unter anderem:
• Nachklärbecken,
• Belüftungsbecken,
• Faultürme,
• Gasometer,
• Rechengebäude,
• Betriebsgebäude,
• Leitungskanäle,
• Werkleitungen und Verkehrsflächen.
Gründe für die gewählte Kategorie
Die Entscheidung zugunsten einer Arbeits- beziehungsweise Industriezone fiel früh. Bereits an der Gemeindeabstimmung vom 30. November 2003 wurde das ehemalige ARA-Gelände eingezont und damit die spätere Nachnutzung politisch und planerisch gesichert. Im Gegensatz zur ARA Aarwangen bestanden keine naturschutzrechtlichen Verpflichtungen, welche eine Renaturierung verlangt hätten. Die Stadt Langenthal sah vielmehr die Chance, einen bereits erschlossenen Standort innerhalb des bestehenden Baugebiets für die wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen. Dies entsprach dem raumplanerischen Grundsatz der Siedlungsentwicklung nach innen. Trotz der klaren gewerblichen Ausrichtung wurden ökologische Anliegen berücksichtigt. Bereits in den frühen Projektbesprechungen wurde ein Wildkorridor vorgesehen. Zudem mussten bestehende Gewässer und technische Infrastrukturen in die Planung der neuen Nutzung integriert werden.
Die Baustellenrapporte zeigen, dass der Rückbau schrittweise erfolgte. Während der Arbeiten wurden mehrfach alte Anlagenteile entdeckt, die in den vorhandenen Unterlagen nicht mehr dokumentiert waren. Solche Überraschungen sind typisch für alte, im Laufe der Zeit gewachsene Infrastrukturanlagen und verdeutlichen die Herausforderung grosser Rückbauprojekte. Parallel zum Rückbau wurde das Gelände aufgefüllt und für die spätere Nutzung vorbereitet. Im Bereich des Auslaufbauwerks entschied man sich zudem, bestehende Betonverbauungen zu entfernen und den Gewässerverlauf naturnäher zu gestalten. Damit wurde ein weiteres ökologisches Anliegen in das Projekt integriert. Heute befindet sich das Grundstück im Eigentum der Stadt Langenthal. Das ehemalige ARA-Areal ist inzwischen mit einer grossen Gewerbehalle überbaut, die Nutzung erfolgt über ein Baurecht. Damit hat sich die ursprünglich geplante Entwicklung vollständig realisiert.
Informationen zum Baubewilligungsverfahren
Der Gesamtbauentscheid vom 10. September 2004 bewilligte ausdrücklich:
• den Rückbau der bestehenden ARA,
• die Auffüllung des Geländes mit unverschmutztem Erd- und Aushubmaterial
Der ehemalige Standort musste wieder aufgefüllt, humusiert, begrünt und unterhalten werden, soweit nicht „innerhalb von einem Jahr“ mit der Realisierung von Neubauten begonnen wurde. Zusätzlich mussten verschiedene Anforderungen aus Gewässerschutz, Fischerei, Wasserbau und Bahninfrastruktur berücksichtigt werden. Aufgrund der Nähe zur Bahnlinie waren auch die Schweizerischen Bundesbahnen in das Verfahren eingebunden.
Erfahrungen mit dem gewählten Instrument/Bewilligungsverfahren
Das Verfahren verlief sehr zielgerichtet. Die Grundsatzfrage der künftigen Nutzung war durch die Umzonung bereits geklärt. Entsprechend standen technische und planerische Aspekte im Vordergrund. Intensiv diskutiert wurden insbesondere:
• die zukünftige Gestaltung des Entlastungskanals,
• die Lage des Wildtierkorridors,
• die notwendige Überdeckung einzelner Anlageteile,
• die Anforderungen an die spätere Überbauung.
Im Unterschied zu Aarwangen oder Lotzwil standen weniger Nutzungskonflikte zwischen verschiedenen Interessengruppen im Zentrum. Vielmehr ging es darum, die verschiedenen technischen und planerischen Anforderungen sinnvoll zu koordinieren.
Raumplanerische Aspekte
Statt neue Arbeitszonen auf der grünen Wiese auszuscheiden, wurde eine bestehende Infrastrukturfläche einer neuen wirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Die vorhandene Erschliessung konnte weiterverwendet werden, wodurch zusätzliche Eingriffe in Landschaft und Landwirtschaftsland vermieden wurden. Gleichzeitig blieben wichtige wasserwirtschaftliche Funktionen im unmittelbaren Umfeld erhalten. Südlich des ehemaligen ARA-Areals befinden sich bis heute zentrale Elemente des Zulaufsystems zur ARA Eymatte. Dazu gehören ein Regenwasser-Notentlastungsbauwerk in den Brunnbach sowie das Einlaufbauwerk mit Fallschächten zum Zulaufstollen der regionalen Abwasserreinigung. Damit verschwand zwar die eigentliche ARA, das Gebiet bleibt jedoch weiterhin ein wichtiger Bestandteil der regionalen Abwasserinfrastruktur.
Überlegungen zu Kreislaufwirtschaft / Netto Null / grauer Energie
Vor dem eigentlichen Abbruch mussten schadstoffbelastete Bauteile entfernt werden. Ein besonderes Augenmerk lag auf PCB-haltigen Fugendichtungen. Diese wurden durch spezialisierte Unternehmen unter fachtechnischer Begleitung rückgebaut und entsorgt. Die eigentliche Nachhaltigkeitsleistung des Projekts liegt jedoch vor allem in der Nachnutzung der Fläche. Statt neue Gebiete einzuzonen, konnte ein bestehender Infrastrukturstandort wirtschaftlich genutzt werden. Somit stellt Langenthal wie die ARA Rohrbach/Huttwil ein gelungenes Beispiel für Flächenrecycling dar.
Stolpersteine / Hindernisse
Während der Planung und Ausführung traten verschiedene Herausforderungen auf:
• PCB-Sanierungen vor dem Rückbau,
• unbekannte unterirdische Altanlagen,
• Koordination mit der späteren Nutzung,
• Anforderungen an den Entlastungskanal,
• Abstimmung zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und ökologischer Vernetzung.
Die Baustellenrapporte zeigen insbesondere, dass alte Fundamentreste und nicht dokumentierte Betonbauwerke wiederholt zusätzliche Arbeiten auslösten.
Lessons learned
Die Entwicklung der ARA Langenthal zeigt eindrücklich, wie aus einem ehemaligen Infrastrukturstandorten ein moderner Wirtschaftsstandort mit neuer Wertschöpfung und zusätzlichen Arbeitsplätzen entstehen kann. Gleichzeitig blieb die Verbindung zur Wasserwirtschaft erhalten. Das ehemalige ARA-Gelände liegt – wie die anderen zwei zurückgebauten ARA im Langetental – bis heute in unmittelbarer Nachbarschaft zentraler Elemente des regionalen Zulaufsystems zur ARA Eymatte. Dadurch verbindet der Standort Vergangenheit und Gegenwart der Abwasserreinigung auf besondere Weise. Langenthal ist damit ein gelungenes Beispiel dafür, wie technische Infrastrukturflächen durch konsequentes Flächenrecycling und vorausschauende Raumplanung in einen neuen Nutzungszyklus überführt werden können.
Projektinformationen
Planung und Fertigstellung: 2003 – 2006
Projektkosten der ARA-Umnutzung in CHF: 700’000
Kanton: Bern
Gemeinde: Langenthal
Einwohnerwert EW des Gebietes: 33’000
Eigentümer/-in: Einwohnergemeinde Langenthal
Bauherrschaft: ZALA AG, 4912 Aarwangen
Externe Projektleitung: TBF + Partner AG, Bern und Zürich
Beteiligte: TBF + Partner AG, Scheidegger AG, Langenthal (Konzept, Ausschreibung, Bauleitung), ARGE Rückbau ARA (E. Flückiger AG Rothrist, König Langenthal und Gränicher AG Huttwil, Unternehmer), Holinger AG, Baden (Konzept und Baubegleitung Rückbau PCB), Isotech Bern AG (Rückbau PCB-belastetes Fugenmaterial)
Autorenschaft Projektpräsentation: Adriano Spiccia, Christian Fux