Von der ehemaligen ARA Aarwangen zum Naturschutzgebiet
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Nach der Stilllegung der ARA Aarwangen wurden deren Einrichtungen vollständig rückgebaut und das Gelände als naturschutzrechtliche Ersatzmassnahme renaturiert. Heute befindet sich auf dem ehemaligen Kläranlagenstandort ein Naturschutzgebiet im Eigentum von Pro Natura.




Bildquellen: swisstopo (Bild 1, Bild 2), Robert Lanz, ZALA AG (Bild 3, Bild 4)
Projektauslöser / Auslöser für die Umnutzung
Mit der Inbetriebnahme der neuen regionalen ARA Eymatte, welche die vier alten Kläranlagen im gesamten Langetental ersetzte, verlor die ARA Aarwangen ihre Funktion. Der Rückbau war jedoch weit mehr als ein gewöhnliches Infrastrukturprojekt. Für den Neubau der ARA Eymatte wurden primär Landwirtschaftsflächen innerhalb eines Landschaftsschutzgebiets beansprucht. Im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung verlangte das Naturschutzinspektorat des Kantons Bern deshalb Ersatzmassnahmen. Bereits in der Baubewilligung für die neue ARA wurde festgelegt, dass die ehemalige ARA Aarwangen nach ihrer Stilllegung renaturiert werden soll. Damit wurde der Standort Aarwangen zu einem zentralen Bestandteil der naturschutzrechtlichen Kompensation für den Neubau der regionalen Kläranlage.
Hintergrund
Die Idee für den Zusammenschluss der ARA Langenthal, Aarwangen, Lotzwil und Huttwil entstand aus dem gleichzeitigen Sanierungs- und Erweiterungsbedarf der Anlagen sowie der Anforderung, dass die Mischabwasserentlastungen der Stadt Langenthal künftig nicht mehr in den Brunnbach erfolgen dürfen, sondern in die Aare abgeleitet werden müssen (Trockenwetterabfluss Brunnbach rund 50 l/s, Entlastungsspitzen bis 15 m3/s!).
Die von den regionalen Akteuren in Auftrag gegebene und vom Kanton über den Abwasserfonds finanzierte Machbarkeitsstudie bestätigte, dass ein Zusammenschluss langfristig tiefere Investitions- und Folgekosten ermöglicht als Einzelprojekte. Der anschliessende Planungsprozess wurde von den regionalen Akteuren eigenverantwortlich weitergeführt, während der Kanton bei Finanzierungs- und Rechtsfragen unterstützte.
Der kantonale Sachplan Siedlungsentwässerung (VOKOS 1997) bestätigte den hohen Handlungsbedarf der vier ARA sowie den Zusammenschluss als wirtschaftlichste Lösung, was in einer kritischen Phase, als die Stadt Langenthal nochmals den Alleingang überprüfen wollte, entscheidend war: Beiträge aus dem Abwasserfonds wären vom Kanton nur an den Zusammenschluss, nicht aber an die Sanierung der bestehenden Anlagen gesprochen worden.
Der Zusammenschluss Abwasserregion Langetental (ZALA) war schweizweit der erste grossräumige Zusammenschluss aller Kläranlagen innerhalb eines Flusseinzugsgebietes. Dank dieser Pioniertat wurde die gesamte Fliessstrecke der Langete abwasserfrei und der ökologisch wertvolle Brunnbach von massiven Mischabwasserentlastungen befreit.
Weitere Informationen: Geschichte — ZALA | Meilensteine — ZALA.
Projektbeschrieb
Nach der Ausserbetriebnahme wurde die ehemalige Kläranlage vollständig zurückgebaut. Sämtliche Becken, Leitungen, technischen Einrichtungen und Gebäude wurden entfernt. Parallel zum Rückbau begann die Planung der ökologischen Endgestaltung. Das Ziel bestand nicht darin, das Gelände wieder aufzufüllen und der bisherigen Nutzung zuzuführen. Vielmehr sollte ein neuer Lebensraum entstehen, der langfristig zur Förderung der Biodiversität beiträgt. Geplant wurden unter anderem:
• Amphibiengewässer,
• Feuchtflächen,
• extensive Wiesen,
• Ruderalstandorte,
• naturnahe Strukturen für Pflanzen und Tiere.
Gründe für die gewählte Kategorie
Die Nutzung als Naturschutzgebiet war zunächst umstritten. Die Einwohnergemeinde Aarwangen und Vertreter der Landwirtschaft bevorzugten eine Rückführung des Geländes ins Kulturland. Sie argumentierten, dass für den Neubau der ARA Eymatte Landwirtschaftsflächen beansprucht wurden und die freiwerdenden Flächen der alten ARA diesen Verlust teilweise ausgleichen sollten. Demgegenüber standen die Forderungen der kantonalen Naturschutzfachstellen. In mehreren Besprechungen mit Gemeinde, ZALA AG und den zuständigen Fachstellen wurden verschiedene Varianten geprüft. Dabei zeigte sich, dass die Renaturierung aufgrund der bereits rechtskräftigen Bewilligungsauflagen für die ARA Eymatte kaum mehr grundsätzlich infrage gestellt werden konnte. Schliesslich entstand ein Kompromiss: Das Gelände wurde ökologisch aufgewertet, während einzelne Flächen weiterhin extensiv landwirtschaftlich genutzt werden können. Dadurch konnten Naturschutz- und Landwirtschaftsanliegen teilweise vereint werden.
Ein zentraler Bestandteil des Projekts war der Bau eines Weihers. Die Baustellenrapporte zeigen, dass dessen Gestaltung und Abdichtung sorgfältig geplant wurden. Vertreter von Pro Natura und Naturschutzfachstellen begleiteten den Prozess eng und achteten darauf, dass die ökologischen Zielsetzungen bereits während der Bauphase konsequent umgesetzt wurden. Eine der entscheidenden Fragen betraf die langfristige Sicherung von Eigentum und Unterhalt. Während die ZALA AG den Erwerb der Flächen finanzierte, erklärte sich Pro Natura Bern bereit, das Gebiet dauerhaft zu übernehmen und zu pflegen. Damit konnte sichergestellt werden, dass die angestrebte ökologische Entwicklung auch langfristig erhalten bleibt. Heute präsentiert sich das ehemalige Kläranlagengelände als vielfältiger Naturraum mit Feuchtgebieten, extensiven Wiesen und wertvollen Lebensräumen. Das Gebiet ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen und befindet sich im Eigentum von Pro Natura. Als zusätzlichen Gewinn für die lokale Biodiversität stellt die ZALA AG die neu gepflanzten Hecken und die grossflächigen Magerwiesen auf der Parzelle der ARA Eymatte für die extensive Landwirtschaft zur Verfügung. Im Vergleich zu den intensiven Ackerflächen, welche das Grundstück vor dem Bau der neuen ARA dominierten, stellt dies einen bedeutenden ökologischen Mehrwert dar.
Informationen zum Baubewilligungsverfahren
Das Bewilligungsverfahren war eng mit dem früheren UVP-Verfahren für die neue ARA Eymatte verknüpft. Die Renaturierung war dort bereits als verbindliche Ersatzmassnahme festgeschrieben worden. Das Naturschutzinspektorat hielt ausdrücklich fest, dass die Renaturierung des alten ARA-Geländes eine Verpflichtung der ZALA AG darstelle. Im eigentlichen Rückbauverfahren mussten deshalb nicht nur technische Fragen geklärt werden. Ebenso wichtig waren die naturschutzfachliche Gestaltung, die spätere Entwicklung des Gebiets sowie die langfristige Sicherung von Eigentum und Pflege.
Erfahrungen mit dem gewählten Instrument/Bewilligungsverfahren
Die grössten Herausforderungen entstanden nicht beim Rückbau selbst – welcher in einem eigenen Baubewilligungsverfahren schlank genehmigt werden konnte, sondern bei der Frage, welche Nutzung langfristig angestrebt werden sollte. Das Projekt zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich die Interessen von Landwirtschaft, Gemeinde, Naturschutzorganisationen und Infrastrukturbetreibern sein können. Gleichzeitig verdeutlicht es, dass tragfähige Lösungen möglich werden, wenn die relevanten Akteure frühzeitig einbezogen werden und bereit sind, gemeinsam nach Kompromissen zu suchen. Besonders wichtig war die Klärung der langfristigen Trägerschaft. Erst mit der Zusage von Pro Natura konnte die Renaturierung dauerhaft gesichert werden.
Raumplanerische Aspekte
Die Lage des Areals in unmittelbarer Nähe zur Aare sowie innerhalb eines ökologisch sensiblen Landschaftsraums sprach klar für eine naturnahe Entwicklung. Gleichzeitig bot der Standort die Möglichkeit, die geforderten Ersatzmassnahmen innerhalb derselben Landschaftskammer umzusetzen, in welcher durch den Neubau der ARA Eymatte ökologische Werte verloren gegangen waren. Das Projekt verbindet somit Rückbau, Naturschutz und Landschaftsentwicklung auf engem Raum.
Überlegungen zu Kreislaufwirtschaft / Netto Null / grauer Energie
Vor dem eigentlichen Rückbau wurden Schadstoffe und verwertbare Materialien systematisch untersucht. PCB-belastete Fugen, Asbest und weitere potenziell belastete Bauteile mussten fachgerecht entfernt und entsorgt werden. Erst danach konnte der eigentliche Rückbau beginnen. Der wesentliche Nachhaltigkeitseffekt liegt jedoch nicht im Materialrecycling, sondern in der langfristigen ökologischen Aufwertung des Standorts. Aus einer technischen Infrastrukturfläche entstand ein dauerhaft gesicherter Naturraum mit hoher Bedeutung für die Biodiversität.
Stolpersteine / Hindernisse
Die wichtigsten Herausforderungen waren:
• der Nutzungskonflikt zwischen Landwirtschaft und Naturschutz,
• die Klärung der Eigentumsverhältnisse,
• die langfristige Finanzierung von Pflege und Unterhalt,
• Schadstoffsanierungen vor dem Rückbau,
• die Koordination zahlreicher Fachstellen und Interessenvertreter.
Gerade die Frage, wer das Gebiet langfristig übernimmt und pflegt, erwies sich als entscheidender Erfolgsfaktor für das gesamte Projekt.
Lessons learned
Die ehemalige ARA Aarwangen ist heute weit mehr als ein zurückgebauter Infrastrukturstandort. Das Projekt zeigt exemplarisch, wie aus einer technischen Anlage an einem geeigneten Standort ein ökologisch wertvoller Naturraum entstehen kann. Gleichzeitig verdeutlicht die Entwicklung, dass solche Projekte nicht selbstverständlich sind. Die heutige Situation ist das Ergebnis eines mehrjährigen Aushandlungsprozesses zwischen Gemeinde, Landwirtschaft, Fachstellen, ZALA AG und Pro Natura. Die langfristige Sicherung durch Pro Natura, die klare naturschutzrechtliche Verankerung sowie die sorgfältige Umsetzung vor Ort machen Aarwangen zu einem beispielhaften Projekt für die Umwandlung ehemaliger Infrastrukturanlagen in dauerhafte Lebensräume für Mensch und Natur.
Projektinformationen
Planung und Fertigstellung: 2003 – 2006
Projektkosten der ARA-Umnutzung in CHF: 360’000
Kanton: Bern
Gemeinde: Aarwangen
Einwohnerwert EW des Gebietes: 7’000
Eigentümer/-in: Gemeindeverband ARA Aarwangen
Bauherrschaft: ZALA AG, Aarwangen
Externe Projektleitung: TBF + Partner AG, Bern und Zürich
Beteiligte: TBF + Partner AG, Scheidegger AG, Langenthal (Konzept, Ausschreibung, Bauleitung), ARGE Rückbau ARA (E. Flückiger AG Rothrist, König Langenthal und Gränicher AG Huttwil, Unternehmer), Planatur (Endgestaltung/Ökologie), Holinger AG, Baden (Konzept und Baubegleitung Rückbau PCB), Isotech Bern AG (Rückbau PCB-belastetes Fugenmaterial)
Autorenschaft Projektpräsentation: Adriano Spiccia, Christian Fux